André Rauscher
André Rauscher

LYRIK--PROSA--RANDNOTIZEN

Die Mühle

 

Die alte Mühle liegt verträumt,

im Abendlicht erglüht sie rot.

Mit Pinien ist der Weg gesäumt,

   der Müller ist schon lange tot.

 

So ruht seit Jahr und Tag das Haus

Die Spatzen wohnen noch im Dach

Im Leib des Müllers wohnt ne Maus

   Die durch den Rippenbogen brach.

 

Kein Wasser bringt das Rad in Schwung,

Was einmal bricht wird nicht mehr ganz.

Der tote Müller starb sehr jung,

   Er brach sich das Genick beim Tanz.

 

Die Mühle liegt fast wie im Schlaf,

Das Mehl liegt längst auf andrem Grund.

Der Müller liegt im Hinterhof,

   Sein Schlüsselbein nahm sich der Hund.

 

Er tanzte mitten in der Nacht

Und übte auf dem Dach der Mühle

Allein und leider unbedacht

   Jetzt liegt er in des Hofes Kühle

 

Die Mühle ist schon ziemlich alt,

Der Müller wurd’ es leider nicht

So kommt es, du ist tot und kalt

   Weil unter dir ein Balken bricht

 

André Rauscher

30.09.08



William im warmen Watt

 kURZGESCHICHTE VON aNDRÉ rAUSCHER

 

 

Im Westhafen am großen Meer, da lebte der Wattwurm William.

Wirklich gemütlich war es dort. Er hatte sich ein sehr schönes Wasserbett gegraben und blickte versonnen aus seiner kleinen Ein-Wurm-Wohnung heraus.

Was ihm fehlte, waren unwesentliche Kleinigkeiten.

Man muss erwähnen, dass William sich, bevor er sein Domizil errichtete, bei seinen Bekannten sehr umgeschaut hatte.

Bernd-Bastian Bundbarsch zum Beispiel, hatte einen wunderschönen Panoramablick auf diesen Kaulquappenspielplatz an der hinteren Hafenenge. Sehr idyllisch.

Drei Steine weiter wohnte Anatol der alte Aal. Am Nachmittag saß Anatol gerne mal im nahen Abfallhaldenpark. Es gab immer wieder neues dort zu bestaunen und er hatte es nie weit, wenn ihn seine Alters-Zitterei nach Hause zwang.

Quentin, die komödiantische Qualle, hatte sich eine kleine Bühne in seinen Hinterhof aufgebaut und brachte dort immer nachmittags giftige kleine Satireprogramme während seine Nachbarin, die Schicke Schnecke Chantall, die Zuschauer mit Knabbereien versorgte.

Auch andere Vorlieben hatte der kleine Wattwurm entdeckt. Der Tintenfisch Tyroon Thomas zum Beispiel hatte seinen Traum wahr gemacht, und eine Selbsthilfegruppe für ausgesetzte Aquarienfische eröffnet. Hinter seinem Laden, dem Exoten-Eck, züchtete er einen Seegurkenzoo.

 

Auch William wollte wichtig sein, und ein besonderes Heim haben, aber bis auf das Wasserbett fiel ihm nichts ein. So saß er also trübsinnig in seinem Loch und ersann krampfhaft etwas noch nie dagewesenes.

Wie wäre es zum Beispiel mit Schlammcatchen? Aber nein, das hatten ja schon die Krebsbrüder Kuno und Klaus in ihrem Baumstumpfhaus.

Was auch immer William einfiel, irgendjemand anderes hatte es schon. Und so wurde er immer trübsinniger.

Niemand interessierte sich für sein einfaches Wasserbett. Er würde nie Besuche empfangen und Gäste in seinem Heim bedienen können.

Gerade wollte er zu Weinen anfangen, da hörte er ein Geräusch hinter sich. Ein Rumpeln, einen Aufschrei und dann einen Fluch: "Ich haffe diefe kleinen Fteinchen, immer fetzen fie fich tfiffen die Borften."

Etwas leuchtete gelblich auf, und durch das Seegras humpelte ein kleiner Seestern, der mit zwei Segmenten beschäftigt war, aus einem dritten ein paar Kieselsteinchen heraus zu pulen, wodurch er nur noch zwei Arme zum Gehen übrig hatte, und immer gegen neue Steine auf dem Grund stieß. "Beim groffen Wafferfpender, oder wer auch immer fich fo etwaf aufdenkt und erfaffen hat. Er muff einen flechten Humor haben. Ich find´f nicht komif. Oh wer bift du denn?"

Er starrte den Wurm an.

William war ganz erstaunt, das der Seestern ihn ansprach. "Meinst du mich?"

"Fiefft du hier noch jemand anderef? Nein, alfo meine ich wahrfeinlich dich. Wer bift denn du? Ich bin Fan Fandro der Feeftern."

"Fan Fandro ?"

"Nein! Fan Fandro hab ich gefagt. Haft du ein Problem mit den Ohren?"

"Was für Ohren? Ich bin ein Wattwurm."

"Und ich bin ein Feeftern."

Langsam kam William hinter das Geheimnis des kleinen gelben Kerlchens.

"Ach so, du bist ein Seestern und heißt San Sandro!"

"Daf hab ich doch gefagt, Fan Fandro. und du?"

"Oh, natürlich. William Wattwurm. Das bin ich. Tag auch. Was machst du hier?"

"Eigentlich picke ich nur diefe kleinen Fteinchen auf meinem Fuff. Fie bleiben immer ftecken und daf fmertft fehr. verftefft du?"

"Steinchen? da kann ich dir helfen, komm doch mal rüber ich zupfe sie dir raus."

 

Gesagt getan. Der Seestern hüpfte auf einem Bein zu ihm rüber, denn inzwischen hatte er sich das nächste Bein gestoßen, und kippte dann aus dem Gleichgewicht gebracht direkt vor William um. Oder besser gesagt, direkt auf William, denn der konnte nicht rechtzeitig ausweichen und wurde ziemlich plattgedrückt.

"He, pass bloss auf, du Trampel. ich bin doch keine Alge, die man so einfach plattmacht. Spar dir das für den Plankton auf und jetzt rutsch endlich und lass mich aufstehen."

"Entfuldigung mir war etwaf fwindelig. Fo beffer?"

"Klar, nichts gebrochen. Wär ja auch etwas schwer. Wo ist denn das Steinchen?"

"Hier." und der Stern hielt ihm eines seiner Segmente hin.

William konzentrierte sich und saugte sich fest. Dann zog er mit einem Ruck das Steinchen aus der borstigen Seesternhaut.

"Ah, ja danke. Aber ich glaube da sind noch mehr."

Und so pickte der Wurm Stein für Stein aus dem Arm des armen Seesterns.

Und nebenbei entfernte er noch ein paar alte Algenreste, ein Streichholz drei Muschelschalenstücke und mehrere Schneckenspuren.

 

Als er fertig war bedankte sich San Sandro ehrlich erfreut mit überschwänglichen Worten.

"Vielen Dank. Du bift echt ein netter Kerl. Normalerweife redet niemand mit mir. Alle fauen mich immer nur ganf komif an wenn ich fie anfprechen will."

Es war sehr schwer zu verstehen, was der gelbe Stern denn wirklich sagen wollte.

"Ich fürchte, dass kann ich dir erklären. Du hast es vielleicht noch nicht bemerkt, aber es gibt da ein kleines Problem mit deiner Aussprache."

"Ja ftimmt, du haft recht. Ich hatte gehofft, daf ef nicht fo auffällt."

"Oh, du weißt also, was ich meine?"

"Ja, ef ift nunmal fo. Ich geb ef ja nicht gern fu, aber ich fpucke beim fprechen. Waf foll ich denn nur dagegen tun?"

William war etwas verdutzt. Sollte der Seestern wirklich nichts bemerken, oder spielte er ihm etwas vor.

War es ihm peinlich so zu lispeln? Was sollte es, er musste es ihm sagen.

"He, du, das mit dem Spucken habe ich nicht gemeint, ehrlich gesagt, ist mir das noch gar nicht aufgefallen. Was ich meine ist dein `S` oder besser dein nicht vorhandenes."

San Sandro war sehr verdutzt.

"Wie bitte? Mein ´F´? Wo foll ich ef denn verloren haben. Wie ift ef mir denn abhanden gekommen? Ich weiff nicht waf du meinft, ich weiff ja nicht mal, daf ich ein ´F´ habe."

"Du hast es ja eben nicht. Was ich meine ist, dass du immer, wenn andere S sagen, F sagst. Und dann versteht dich keiner und alle rennen weg."

"Ftimmt, fie flüchten."

Beide schwiegen bedrückt.

 

Da hatte William eine Idee. "Lass mich doch einmal in deinen Mund schauen, vielleicht liegt es ja an einem kaputten Zahn."

Und wieder legte Sich der Seestern auf den Boden, und der Wurm durchsuchte seinen Körper. Und tatsächlich im hintersten Eck fand er ein kleines Stück von einem Zeitungsfetzen zwischen den Zähnen, aber er bekam es nicht heraus.

"Es hängt fest!" rief er Sandro zu. "Hilf mir."

Da griff dieser mit seinen Armen nach dem Wurm und zog an ihm. William hatte sich am Papier festgesaugt und so wurde er immer länger und dünner.

Und gerade in dem Moment als William befürchtete, dass gleich entweder er selbst oder der Zettel zerreißen musste, gab es einen kleinen Knall, und in der Mitte des Seesterns löste sich der Zeitungsfetzen aus dessen Zähnen.

 

 

 

 

 

„Ist ja ne tolle Praxis hier“ seufzte San Sandro.

„Kaum Fünf Minuten bin ich hier, und schon bin ich von einem langjährigem Problem geheilt. Danke sehr, kleiner Wunderwurm. Das werde ich weitererzählen. Und das schönste an dieser Praxis ist die tolle Behandlungsliege.“  

„Behandlungsliege?“ wunderte sich William

„Warte mal das ist doch mein Wasserbett. Aber er hat recht, als Behandlungsbett ist es auch ganz nett. Das ist es. Ich eröffne eine Körperpflege- Zahnbehandlungs- und Massagepraxis.Dann wird meine Einwurmwohnung im warmen Watt doch noch berühmt.“

 

Und so wurde es auch. Bald hatte es sich herumgesprochen und jeder kam ihn besuchen.

Der ganze Westhafen, vom Paradies Bay bis zur Barakuda Poolside, kannte den kleinen William Wunderwurm und seine magische Praxis mit der praktischen Massagematratze.